Graduiertenkolleg "Religion und Normativität"
Universität Heidelberg

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Irene Pieper
Das Welttheater der Moderne unter besonderer Berücksichtigung des Dramas "IchundIch" von Else Lasker-Schüler (Arbeitstitel)


Die jahrhundertealte Vorstellung der Welt als Theater, auf dessen Bühne die Menschen ihr Leben spielen, hat in der Literatur immer wieder Bearbeitung gefunden. Sie ist eng verbunden mit der Frage nach der Gerechtigkeit Gottes in der Geschichte, seiner "Regie" des Weltspiels. Besonders Situationen, die als extreme individuelle und gesellschaftliche Bedrohung empfunden werden, fordern zur Gestaltung des "Welttheaters" heraus. Häufig nimmt die Gestaltung apokalyptische Züge an und steht im Horizont von Untergangsvisionen in der Literatur. Die Tatsache, daß auch die als säkular begriffene Moderne insbesondere im Umkreis der Weltkriege immer wieder auf dieses ursprünglich religiöse Motiv zurückgreift, bedarf der Interpretation. Die bisherigen Untersuchungen erhärten folgende These:
Die Gestaltung des Topos Welttheater in der modernen Literatur zeigt, daß im Zusammenhang mit Erfahrungen wie dem Ersten Weltkrieg und dem Dritten Reich die Frage nach einem positiven Sinnzusammenhang innerhalb der leidvoll erfahrenen Geschichte nicht aufgegeben wird. Sie wird in Texten, die formal und inhaltlich der Moderne zuzurechnen sind, thematisiert und - teilweise im Zeichen des Zweifels - bejaht. Else Lasker-Schülers Drama "IchundIch" (1940/41) ist dafür ein besonders aufschlußreiches Beispiel.
Die unterschiedlichen Gestaltungen des Motivs bei Else Lasker-Schüler, Karl Kraus, Hugo von Hofmannsthal, Ödön von Horváth, Franz Werfel, Alfred Döblin, Elisabeth Langgässer und Bert Brecht werden herangezogen, um die Wirklichkeitsaussage des modernen Welttheaters vergleichend herauszuarbeiten. Folgende Texte werden - neben "IchundIch" - berücksichtigt:
Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit (1915-1917)
Hugo von Hofmannsthal: Das Salzburger Große Welttheater (1922)
Ödön von Horváth: Himmelwärts (1934)
Franz Werfel: Jacobowsky und der Oberst (1942)
Franz Kafka: (Das große Theater von Oklahoma). In: Der Verschollene (ab 1912)
Alfred Döblin: Babylonische Wandrung oder Hochmut kommt vor dem Fall (1932/33)
ders.: November 1918 (1937-43)
Elisabeth Langgässer: Das unauslöschliche Siegel (1936)
Bert Brecht: Der gute Mensch von Sezuan (1930-42)
(Die Jahreszahlen beziehen sich auf die Entstehungszeit.)
Das Interesse der Untersuchung gilt der Darstellung der bedrohenden Wirklichkeit, des verunsicherten Individuums, der Frage der "Spielleitung" sowie der künstlerischen Gestaltung.
Der religiösen (bzw. weltanschaulichen) Aussage der Texte gilt besondere Aufmerksamkeit: Die Frage nach der Theodizee wird unterschiedlich beantwortet. Der unterschiedliche religiöse Hintergrund der jüdischen und christlichen Autoren und Autorinnen findet Berücksichtigung.
Zentral ist jeweils das Verständnis der Geschichte, die vor allem in ihrer katastrophalen Entwicklung wahrgenommen wird. Die Untergangsvisionen stehen zum Teil im Zusammenhang mit messianischen Vorstellungen: Erst auf die totale Vernichtung folgt "Erlösung" von außen. Auf dieser Linie liegt die Konzeption Walter Benjamins, dessen Begriff der Allegorie, im Ursprung des deutschen Trauerspiels entfaltet, im Zusammenhang steht mit dem Verständnis der Neuzeit als Drama: "Trauer-Spiel". Im Verlauf der bisherigen Untersuchung wurde daher dem Allegorie-Begriff Benjamins nachgegangen, zumal das Welttheater auch als allegorisches Muster begriffen werden kann. Insbesondere durch den Vergleich der Positionen von Hugo von Hofmannsthal und Walter Benjamin, die sich beide zum Verständnis der eigenen Gegenwart dem Barock zuwenden und sich des Welttheatermotivs bedienen, darüber hinaus im Austausch miteinander stehen, wurde deutlich, daß die geschichtsphilosophische Aufladung des Allegoriebegriffs Benjamins eine normative Verengung darstellt: Hofmannsthals Das Salzburger Große Welttheater kann aus der Perspektive des Vorvaters der Kritischen Theorie nur als Anachronismus verstanden werden, eine im Falle des Hofmannsthalschen Werkes verbreitete Rezeption. Sie weist auf ein zentrales Problem der bisherigen Betrachtung des modernen Welttheaters, die weniger vom umfassenden und vielfältigen Textbestand ausgehend das Weltbild der modernen Autorinnen und Autoren zu erheben sucht, als vielmehr ein modernes Weltbild setzt, das bestimmten Texten nicht gerecht zu werden vermag: Religiöse Weltdeutungen fallen so aus der Betrachtung heraus.
Die Arbeit soll zeigen, daß sich auch im Hinblick auf das Welttheatermotiv die strenge Dichotomisierung zwischen Säkularem (modern) und Religiösem (vormodern) nicht halten läßt: Vielmehr wird die religiöse Norm der göttlichen Gerechtigkeit in der modernen Literatur immer wieder aufgenommen. In der Bearbeitung des Topos im Horizont von Affirmation und Irritation schlagen sich Variabilität und Konstanz der Vorstellung nieder.


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